Aktionsbündnis Holtkamp-Ströhen

Zwei Phasenschieber, Drosselspulen und vielleicht noch mehr…

Ein Phasenschieber ist ein spezieller Leistungstransformator, der zur Steuerung der Stromflüsse zwischen Übertragungsnetzen eingesetzt wird. Man kann sich die Wirkweise wie ein Ventil bei zwei aufeinandertreffenden Leitungen vorstellen – so kann man dafür sorgen, dass durch beide Leitungen gleichmäßig Strom fließt. Auf diese Weise können Leitungen deutlich stärker ausgelastet werden und vorläufig den weiteren Netzausbau unnötig machen. Phasenschieber gelten daher oft als „Übergangslösung“.

Abkürzungen: ÜNB = Übertragungsnetzbetreiber (Näheres s. Artikel „Energie-Infrastruktur“); NEP = Netzentwicklungsplan (Näheres s. Artikel „Energie-Infrastruktur“); LEP = Landesentwicklungsplan – dieser legt die Grundsätze und Ziele für die räumliche Entwicklung des Landes NRW fest und dient als verbindliche Vorlage für die Regionalplanung.

Der Gigant von Amprion

Die von Amprion hier geplanten Phasenschieber sind „brandneu“ – Es geht um wartungsfreie Phasenschieber von Siemens Energy, die insbesondere bei den Betriebskosten punkten können. Ansonsten sind Phasenschieber aber „alte Technik“. In anderen Ländern werden FACTS-Systeme (Flexible AC Transmission System) verwendet, die platzsparender und deutlich leiser sind.

https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/kabinettssitzungen/schnellere-gerichtsverfahren-2146614

Amprion hat drei Suchräume herausgegeben, auf denen bis Januar 2024 Tierarten kartiert werden. Hier sucht Amprion nach möglichen Standorten. Letztendlich kommen nur zusammenhängende Flächen von 9 ha in Frage. Früh stellte sich heraus, dass der nördliche Suchraum an der Autobahn aufgrund von Flurbereinigung für das jetzige Projekt nicht zur Verfügung steht. In Gesprächen mit dem Projektleiter war immer wieder deutlich zu hören, dass sie die Flächen in Hollen-Holtkamp und Ströhen bei Weitem bevorzugen.

Amprion hat auf seiner Seite alle Flächen aufgelistet, auf denen sie kartieren lassen – und ein Bau damit wahrscheinlich ist. Für alle Ortskundigen: Die Flächen reichen von der Weserstraße/Isselhorster Straße im Osten bis teilweise über die Brockhagener Straße/Queller Straße/Münsterlandstraße im Süden (auf Holler Gebiet bis zum Außenheide Weg) bis zur Haller Straße (dort ca. bis zum Steinheideweg) im Westen und Brockhagener Straße im Norden, beginnend bei der Heidestraße. Hier im Norden ist auch ein Stück Patthorst mit betroffen.

Eine ähnliche Vorgehensweise der ÜNB lässt sich z.B. bei Südlink beobachten: Auch hier beginnt alles mit einer Leitung, dann folgt Phasenschieber/Umspannwerk, letztendlich noch ein Umspannwerk. In Bergrheinfeld hat Tennet mittlerweile nach Informationen der dortigen Trassengegner 60 ha aufgekauft, 37 ha sind geplant. So entstehen mit der Zeit neue Energieknotenpunkte, die zudem flexibel an die neuen Entwicklungen auf dem Strommarkt angepasst werden können.

Phasenschieber von Oberzier. Aquarell von Charlotte Renda nach dem Original auf Amprions Infoseite
Eine Ankündigung zum „passenden“ Zeitpunkt

Der ÜNB Amprion hatte im März 2023 angekündigt, auf seinem 380 kV-Netz zwischen Hesseln und Blankenhagen zwei sog. Phasenschieber und Drosselspulen zu errichten.

In der Projektbeschreibung des NEP wird erklärt, dass Amprion diese Phasenschieber zunächst auf der 220 kV-Leitung bei Enniger errichten wollte, aber aufgrund von Berechnungen davon abkam. Interessant ist die plötzliche Neuberechnung knapp hinter der für die ÜNB ja so vorteilhaften Gesetzesänderung, den sog. Beschleunigungsgesetzen.

Es gibt einen weiteren Grund, weshalb Amprion schnell bauen möchte: Es wird zur Zeit ja so viel Strom in der Nordsee erzeugt, dass er mangels Leitungen überhaupt nicht abtransportiert werden kann, und es wird ja weiterhin Off-Shore gebaut. Dieses kostet Amprion (und die anderen ÜNB) schwindelerregend hohe Vertragsstrafen. Der Bau der Phasenschieber wird sich alleine dadurch in wenigen Jahren amortisieren und erscheint Amprion vermutich als gute und günstige Lösung. Im NEP wird zudem erklärt, dass diese millionenschwere Investition auch danach weiterverwendet werden könne.

Das Verfahren läuft als beschleunigtes Verfahren, und zwar vermutlich als nicht-öffentliches Verfahren nach dem Immissionsschutzgesetz, es sei denn, Amprion kann keine Flächen erwerben und muss zur Enteignung schreiten. In diesem Fall sollte es sich um ein Planfeststellungsverfahren handeln. Da es sich um ein Projekt nach dem Energiewirtschaftsgesetz handelt, bei dem Energie Vorrang vor Naturschutz hat, kann aber im Ernstfall eine Planung und Durchführung nicht mehr abgewendet werden – vor allem nicht, wenn man jetzt tatenlos zusieht und abwartet.

Interessante Punkte zu diesem Projekt

Es erstaunt vor allem schon alleine durch die Größe. Normalerweise werden Phasenschieber auf kleineren Flächen gebaut (um die 4 ha). Dabei sollen hier die eigentlich sogar kleiner dimensionierten sog. wartungsfreien Phasenschieber von Siemens verbaut werden. Möglicherweise kommt die Größe dadurch zustande, dass hier zwei Phasenschieber und weitere Drosselspulen verbaut werden. Prestigeprojekt?: Vermutlich auch, denn die wartungsfreien Phasenschieber von Siemens wurden bis dato noch nicht verbaut. Amprion selbst hat im Mai nach Pressemitteilungen gesagt, dass sie auf diesem Netz bauen möchten, weil sie hier das alleinige Sagen haben und somit auch frei entscheiden können. Möglichst viel eigene Netze zu haben, ist an sich übliche Praktik bei den ÜNB, die schließlich davon leben, dass sie Strom weiterleiten.

Im Hinblick auf unsere Natur: Mehr als problematisch

… ist die Größe und die Menge an Verlust von Lebensraum. Die Tatsache, dass die Fläche unter den Phasenschiebern komplett versiegelt sein muss (Ölwannen) stellt in einer Feuchtwiesenregion mit klimasensitiven Arten schon aufgrund möglicher Aufheizung im Sommer ein Problem dar. Auch die Lautstärke, die mit wenigstens 80 Dezibel angegeben wird, ist für störungsanfällige Vögel des Offenlandes ein Problem.

Das größte Problem ist aber vermutlich das „Problem hinter dem Problem“.

Die häufige Verwendung der Formulierung „anderer Standort“ im NEP ist auffällig. Man erhält den unbestimmten Eindruck, dass es Amprion vorrangig um einen „Standort“ geht. Das im LEP vorgegebene Bündelungsprinzip, die einfache Tatsache, dass Bauplanungen Ähnliches an gleiche Stellen setzen – das alles befürwortet quasi auch, dass – wenn Amprion weiterbauen will – dort auch weiterbauen kann. Genügend Infrastrukturprojekte gibt es auf jeden Fall, die unsere Gegend berühren könnten.

Für Amprion besteht unsere Landschaft natürlich nicht aus Refugien für seltene Tierarten oder Erholungssuchende – für Amprion besteht unser Naturraum aus großen, freien Flächen, die umso einfacher zu bekommen sind, als hier niemand anders bauen darf. Und wenn sie erst einmal durch ein Projekt entwertet sind, dann sind sie „vogelfrei“ – im doppelten Sinne.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist phasenschieber1-1.jpg

Das Projekt im NEP

Energie-Infrastrukturausbau

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